12 Jahre Open_Music

2015 feierte Open_Music e.V. über 10 Jahre spannender Projekten als Verein!

Die folgende Zusammenfassung von der Entwicklung von Open_Music Arbeit im Laufe der zehn Jahren wurde 2015 von Scott Roller als Beitrag zum Heft (Abschlussbericht) des Open_Music >>quo vadis, kulturelle Bildung?<< Projekts verfasst und veröffentlicht.


Zehn Jahre Open_Music e.V. [2005-2015]
von Scott Roller

Gründung von Open_Music e.V.

2005 wurde der Open_Music e. V. von den sechs Kernmitgliedern des Ensemble Gelberklang und einigen Verbündeten aus anderen Bereichen gegründet. Klaus Zehelein, Gidon Krämer und Jeunesses Musicales wurden als Schirmherren gewonnen.

Ein Open_Music Eröffnungsevent fand am 13. Mai 2005 im damals nagelneuen Kunstmuseum Stuttgart statt: ein umfang- und abwechslungsreiches Wandelkonzertmit vielen Stationen, bespielt von Schülern, Studenten und Open_Music Formationen (Ensemble Gelberklang, Helios Streichquartett und vielen Gästen). Die ersten Open_Music Projekte fanden im Herbst 2005 statt.

Als Kurzchronik des Open_Music e.V. und gewissermaßen als Hintergrund zu bestimmten Aspekten der Denkwerkstatt Quo vadis, kulturelle Bildung? (im folgenden: QVKB), ist der folgende kompakte Entwicklungsbericht über die wachsenden Wirkungsfelder und Projektformate im Laufe der letzten Jahren gedacht. So befriedigend es gewesen ist auf vielen Ebenen, die stetige Expansion des Programms durch alle Schulformen, viele Kunstarten und über immer längeren Zeiten zu erleben, kommen, wie bei allen wachsenden Systemen, irgendwann viele Fragen über die Zukunft auf: was könnten erstrebenswerte Zielsetzungen und Inhalte sein, wie könnten machbare Organisationsstrukturen und Arbeitsbedingungen aussehen und welches wären geeignete neue Kooperationspartner und Schulformen für die kommenden Projekte.

Ab 2005: Workshops für Gymnasiasten/Musikschüler

Ausgangspunkt für die Arbeit von Open_Music in den Jahren 2004 bis 2007 waren Workshops für Schüler/Studenten mit Instrumentalerfahrung. Inhalt der Kurse war die freie musikalische Improvisation als bewusste Erweiterung oder Befreiung des Musizierens aus seinem gewöhnlichen Korsett, nämlich als hauptsächlich gelesene bzw. schriftliche Tätigkeit.

Diese Workshops wurden häufig explizit als eine aktive Ersteinführung in die Klangwelt der zeitgenössischen Kunstmusik, der Neuen Musik, gedacht und ausgeschrieben. Sie wurden meistens in Gymnasien oder Musikschulen mit erfahrenen Schülern im Rahmen ihres normalen Unterrichts oder während der regulären Probenzeiten der Schulensembles durchgeführt. Kursumfang waren in der Regel etwa 20 Schulstunden, geleitet von einem oder zwei Musiker von Open_Music. Die Projekte mündeten fast immer in öffentliche Abschlusspräsentationen, oft in Galerien oder Museen. Die Arbeit wurde in der Regel durchgängig von den Musiklehrern mitbetreut, oft nahmen sie auch aktiv teil, sodass eine Atmosphäre von gegenseitiger Wertschätzung entstand. In den Jahren 2004 bis 2007 führte Open_Music etwa zwei Duzend solcher Workshops in der Region Stuttgart und vielen anderen Städten Baden-Württembergs durch.

Schon 2006 bekam Open_Music seine ersten Auszeichnungen: den Förderpreis der Stadt Stuttgart und den Kinder zum Olymp-Preis der Kulturstiftung der Länder.

Diese Form von Workshops bildet nach wie vor einen Eckstein der Open_Music Arbeit, sowohl als Grundlage für die modulare Arbeitsweise bei Jetzt!, als auch bei Spannungsfeld Komposition-Improvisation und in verschiedenen Einzelkursen.

2007/08: Ausweitung des Modells auf andere Schulformen und Kunstformen

Es war nahliegend, dass die Prinzipien von Improvisation (mit Anpassungen in Werkzeug, Zielsetzung und Vokabular) sich auch für andere Schulformen und Schüler, also nicht nur solchen mit Instrumentalerfahrung, und in Verbindung mit anderen Kunstarten eignen würden. Schon in den Response-Projekten und in den von Musik der Jahrhunderte ähnlich konzipierten Beginner- Projekten waren viele Kinder dabei, die nicht unbedingt auf eine musikalische Vorbildung zurückgreifen konnten. In der Tat waren sogar aus künstlerischer Perspektive manchmal gerade die Ergebnisse dieser Klassen besonders urig, originell oder frisch, und die zu beobachtenden individuellen und kollektiven Erfahrungen der Teilnehmer besonders positiv und überzeugend. Die Tatsache, dass Musik als praktisches Fach in vielen Schulformen eklatant unterrepräsentiert war, machte das Open_Music Angebot besonders attraktiv.

2007 fand der erste Open_Music Workshop in einer Förderschule statt. Wenig später folgte ein Realschulekurs. Das Jahr 2008 brachte den Anfang der Arbeit mit Hauptschülern und das erste Projekt, in dem Tanz- und Musikworkshops parallel angeboten wurde (in einer Realschule in Esslingen), außerdem fand das erste Musikprojekt, in dem Realschüler und Gymnasiasten parallel und gemeinsam arbeiteten, statt. Als Steigerung und Fokus dieser Entwicklungen entstand die Idee von Jetzt! 2008.

2008 war ein überaus bedeutsames Jahr für Open_Music. Zu genau dem richtigen Zeitpunkt, als nämlich die Arbeit anfing, sich in verschiedenen Schulformen zu verzweigen und der Wunsch erwuchs, den improvisatorischen Ansatz auch in eine Verbindung mit anderen Kunstformen zu bringen, ermöglichte ein Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes mit dem Namen Netzwerk Neue Musik (für die Region Stuttgart: Netzwerk Süd) neue Möglichkeiten zur Finanzierung der Arbeit. Gekoppelt mit dem gesunden lokalen Wachstum, dank zahlreicher Unterstützer, war dieses Förderprojekt in den folgenden vier Jahren ausgesprochen hilfreich.

Das Jetzt!-Modell (2008 – 2014, Theaterhaus Stuttgart)

Im Juli 2008 fand Jetzt! zum ersten Mal mit drei Aufführungen unter dem Motto Differenz und Vielfalt heute im Theaterhaus Stuttgart statt. Im Laufe der davor liegenden vier Monate waren Workshops in Musik, Tanz, Malerei, Schauspiel, Performance und elektronischer Musik in zwei Realschul-, zwei Hauptschul-, zwei Gymnasialklassen und einer freien Schauspiel AG angeboten worden. Die Workshops wurden von zehn Künstlern: vier Musikern, drei Tänzern, zwei Schauspielern und einer Malerin, geleitet. Eine Regisseurin war für die letzte Arbeitswoche im Theaterhaus engagiert. Gemeinsam mit den Künstlern verband sie die verschiedenen, in den einzelnen Gruppen entstandenen Module und fügte sie als Gesamtwerk zusammen.

Jetzt! 2008 war außerordentlich erfolgreich und diente in den kommenden Jahren als Prototyp für eine der zwei Säulen der Open_Music Arbeit. Wesentlich am Jetzt!-Modell ist einerseits sein breiter, nämlich schulformen- und kunstartenübergreifender Ansatz, anderseits werden die thematischen Vorgaben generell so weit und offen gehalten wie möglich, denn so wird ein Maximum an Freiheit für die Arbeit der Einzelgruppen gewährleistet. Auftrag der Künstler ist es zunächst, mit ihren jeweiligen Gruppen zu erforschen, was sich für diese als Aufgabe eignet und was sie interessiert, um anschließend den Versuch zu machen, , dies mit dem Ziel eines künstlerischen Ergebnisses in einen gemeinsamen Arbeitsprozess umzusetzen. Erst aus diesem Prozess sollen dann Verbindungen zu den anderen Gruppen hergestellt und der größere Kontext gesucht werden. Etwa ein Monat vor Projektabschluss kamen die Gruppen zum ersten Mal ins Theaterhaus, um das Theater und einander kennenzulernen und den aktuellen Stand ihrer Arbeit zu zeigen. Nach einigen weiteren Wochen der Arbeit in der Schule kamen dann alle Beteiligte für vier intensive Probentage und drei Aufführungen zusammen.

Auf diese Weise ergaben sich in den sieben Jahren bis Jetzt! 2014 etwa 20 Aufführungen mit sehr unterschiedlichen, künstlerisch und menschlich wertvollen Gesamtkunstwerken. An den Jetzt! Produktionen 2008 bis 2014 nahmen insgesamt knapp tausend Schüler aus zwölf Gymnasien, zwei Waldorf-, acht Real-, zehn Haupt-, sieben Förderschulen und zahlreichen freien AGs teil. Sie wurden von etwa 20 Künstler/innen aus einer Vielfalt von Kunstarten begleitet.

Spannungsfeld Komposition-Improvisation (2009 – 2015, Staatsgalerie Stuttgart)

Ebenfalls 2008 fand ein Projekt mit dem Jugendsinfonieorchester Ludwigsburg und drei Musikern von Open_Music statt, das als Vorreiter eines anderen Projektmodells, der zweiten Säule des Open_Music Jahrs gelten kann: Spannungsfeld Komposition-Improvisation.

Bei dieser musikalischen Vertiefungsarbeit geht es darum, verschiedene Mischformen im Spektrum zwischen freier Improvisation und durchkomponierten Strukturen auszuloten: mit grafischen Notationen, Textstücken, Teilkomponiertem, improvisatorische Strategien und anderen innovativen, multimedialen Lösungen als Anreiz oder Vorlage zum Musizieren. Andere wesentliche Bestandteile des Spannungsfeld-Konzepts sind Kompositionsaufträge an externe Komponisten und Einladungen an Composer-Performers , die sich im Rahmen ihrer Arbeit für Open_Music an den o. g. Themenkomplexen orientieren.

Zwei instrumentalfähige (meist gymnasiale) Musikklassen nehmen etwa zwei Monate lang an Workshops teil, die einerseits als Einführung in die freie Improvisation und Gruppenkomposition, anderseits als Proben und sonstige Vorbereitung von Werken dienen, die gemeinsam mit dem Open_Music Ensemble im gemeinsamen Abschlusskonzert aufgeführt werden, das seit 2009 immer kurz vor der Adventszeit in der Staatsgalerie Stuttgart stattfindet.

Langfristige Open_Music Projekte in Grund- und Hauptschulen (2010 – 2015):
Open_Music in zwei Hauptschulen (6.-8. Klasse):

in der Ameisenbergschule (Stuttgart-Ost, 2010 – 2012) und in der Friedensschule (Stuttgart-West, 2011 – 2013)
mit drei/vier verschiedenen Künsten im Verbund.

Nachdem seit 2008, auch im Kontext von Jetzt! 2008 und Jetzt! 2009, vereinzelte Open_Music Projekte mit Hauptschülern durchgeführt worden waren, wurde Open_Music im Frühjahr 2010 von einem Kreis überwiegend privater Stiftungen angesprochen, ob eine kontinuierlichere Arbeit mit Hauptschülern in den Fächern Musik, Tanz und Theater realisierbar wäre.

Im Herbst 2010 begann die Arbeit mit den siebten und achten Klassen in der Ameisenbergschule. Da die Schüler persönliche Erfahrung in allen drei Künsten machen sollten, wurde das Jahr durch drei geteilt und jeder Kunst etwa drei Monate gewidmet, bevor die Klassen schließlich ihren Beitrag zu Jetzt! 2011 einbrachten. Für die Schüler und für die Qualität ihres Beitrags war das kein so guter Weg, da die Schüler keine Gelegenheit hatten, anhand ihrer Erfahrungen einen Bereich persönlich zu wählen und in diesem Bereich ihren Beitrag zu gestalten, Nachteilig wirkte sich auch aus, dass die Achtklässler oft auf Grund von Ausbildungen, Praktika etc. fehlten.
In 2011 wurde die Open_Music Arbeit an der Ameisenbergschule mithilfe der großzügigen Förderung des Stiftungskreises um einen weiteren Bereich, den der bildenden Kunst, erweitert. Von den gleichen Stiftern wurde ebenso ein Programm über zwei Jahre mit Musik, Tanz und Theater auf einer weiteren Hauptschule, der Friedensschule, ausgeweitet. So konnte im Herbst 2011 die Arbeit mit zwei sechsten und siebten Klassen in der Ameisenbergschule erneut beginnen, dieses Mal mit vier Künsten im Angebot.

Im Schuljahr 2011/2012 wurde in der Ameisenbergschule der Gang durch die Kunstsparten etwas beschleunigt, um dann mit den Schülern eine Entscheidung auf der Basis ihrer Neigungen und Fähigkeiten zu treffen: in welchem Fach wollten sie jeweils gern ihren Beitrag zu Jetzt! 2012 leisten? Sowohl die Stimmung bei den Schülern, als auch die Qualität ihres Beitrags profitierten deutlich von dieser Änderung.

Bei der Arbeit in der Friedenschule wurde deutlich an die Erfahrungen in der Ameisenbergschule angeknüpft. Am Wichtigsten war: es wurde über den gesamten Zeitraum von zwei Jahre mit denselben zwei Klassen gearbeitet und nicht, wie es in der Ameisenbergschule der Fall gewesen war, nach dem ersten Jahr mit anderen Klassen neu angefangen. Diese Vorgehensweise gab den Schülern die Zeit, sich jeweils ein ganzes Halbjahr lang mit jeder Kunst zu beschäftigen – eine viel bessere Grundlage für die dann zu treffende Entscheidung, in welchem Bereich sie für Jetzt! 2013 vertiefend arbeiten wollten. Um Kräfte noch weiter zu bündeln, aber auch und wegen der inhaltliche Kompatibilität der Tanz- und Theatergruppen, wurden im Vorfeld von Jetzt! 2013 nur zwei Gruppen gebildet: Tanz/Theater und Musik. Sowohl das Wohlbefinden der Schüler, als auch die künstlerische Qualität ihrer Beiträge haben die Richtigkeit dieses Weges unterstrichen.
Eine Bemerkung zu kunstspartenübergreifenden Projekten: Es war deutlich zu beobachten, dass die Schüler/innen im Rahmen der Verbindung mehrerer Künste meistens eine grob spiralförmige Entwicklung durchliefen. Schüler/innen bspw., die mit anderen Kunstarten

schon gearbeitet hatten, stiegen bei Musik deutlich weiter im Prozess ein, als die, die mit Musik ihrer ersten künstlerischen Erfahrungen machten.

Open_Music in der Rosenschule (Grundschule in Stuttgart-Zuffenhausen):

2010 – 2012 mit zwei Klassen (1./2. bzw. 3./4.) in einem Bosch-Stiftung Projekt und 2013 – 2015 mit allen Klassen der Schule (350 Schüler) im Rahmen von Kinderland BW mit vier verschiedenen Künsten im Verbund.

2009 fanden zum ersten Mal Open_Music Workshops mit Grundschülern statt. Zunächst in der deutsch-französischen Grundschule in Sillenbuch von Februar bis Mai (auf rein musikalischer Basis mit wechselnden Klassen) und dann im Juli 2009 bei einem kompakten Kurs in Kombination mit Tanz in einer anderen Sillenbucher Grundschule.

Im Frühjahr 2010 wurde Open_Music von zwei Lehrerinnen der Rosenschule in Stuttgart- Zuffenhausen angesprochen, die einen Antrag bei der Bosch-Stiftung stellen wollten und sich eine über zwei Jahre angelegte Arbeit mit ihren ersten bzw. dritten Klassen in den Fächern Musik, Theater, bildende Kunst und Tanz wünschten. Ihr Antrag wurde genehmigt und von Oktober 2010 bis Mai 2012 arbeiteten vier Künstler/innen wöchentlich mit den Kindern. Schon in Januar 2011, nach nur drei Monaten mit den zwei Klassen, fand eine verblüffend reife erste Vorstellung in der nahliegenden Pauluskirche statt. Dies gab bereits einen Vorgeschmack auf die spektakuläre Abschlussarbeit, die im Juni 2012 im Theaterhaus präsentiert wurde: Der Feuervogel aus der Rosenschule.

Von Herbst 2013 bis Mai 2015 setzte Open_Music die Arbeit an dieser Schule unter veränderten Bedingungen fort – diesmal nach einem Prinzip, in der die Gießkanne der kulturellen Bildung etwas höher gehalten, dafür aber alle 350 Kinder der Schule grundversorgt wurden. Das Projekt war auf vielen Ebenen zweifelsohne sinnvoll, aber durch den verringerten zeitlichen Kontakt mit den Kindern wesentlich weniger intensiv als beim ersten Projekt. Die künstlerischen Ergebnisse fielen dementsprechend etwas weniger reif aus.

Die befriedigendsten Erfahrungen bei langfristigen Workshops, sowohl in der Haupt-, als auch in den Grundschulprojekten, wurden erzielt, als über den Zeitraum von zwei Jahren (und mit vier Künsten im Verbund) mit denselben Schülern gearbeitet wurde. Diese zeitliche Ruhe erlaubte Künstlern und Schülern die Zeit, ausreichend in einem Fach zu arbeiten, bevor es weiter ging, ermöglichte es darüber hinaus, ein weiteres halbes Jahr lang Erfahungen in einem anderem Fach zu machen und schließlich an einer gemeinsamen Abschlussproduktion zu arbeiten. Dies scheint, im Sinne einer allgemeinen “kulturellen Bildung” eine optimale Form der Arbeit zu sein.