Presse

Stuttgarter Zeitung – 10.07.2014

 



Spannungsfeld Improvisation-Komposition

Open_Music Projekt mit Ensemble >gelberklang< in der Staatsgalerie Stuttgart, 15.10.09

„gelberklang ist dabei, sich als eines der führenden Ensembles im Grenzbereich avancierter Komposition und Improvisation und zugleich der Musikpädagogik zu etablieren. Wie das alles zusammenpasst, aber auch welche Probleme dabei auftreten können, zeigt der Abend des 15. Oktober in der Stuttgarter Staatsgalerie: Freie Improvisation, verbale Spielanweisungen, konventionelle und grafische Notation bilden die Voraussetzungen, auf denen zwei Gruppen von Gymnasiasten, gelberklang sowie Stefano Scodanibbio, der derzeit vielleicht renommierteste Kontrabassist überhaupt, miteinander musizieren. Etwas zu viel auf einmal?

Musikpädagogische Initiativen stehen vor dem Problem, dass sie mit dem Ruf des Unfertigen umgehen müssen: Laienkonzerte, die bestenfalls Eltern und Angehörige interessieren können. Dies ist ein Vorurteil, ebenso wie das Unbehagen des Konzertbetriebs, der sich Musik ohne Notation nicht vorstellen kann, an der Improvisation. Tatsächlich ist Improvisation, also ohne Umweg über die ausnotierte Partitur ad hoc eine von Sinn erfüllte Klangstruktur zu entwerfen, eine hohe Kunst, die erlernt werden will, zugleich aber einen direkteren Zugriff auf das musikalische Material erlaubt. Eben dieser direkte Zugang macht Improvisation für die Musikpädagogik so wertvoll. Schüler können weder über die Spieltechnik, noch über die Routine professioneller Musiker verfügen. Aber wenn sie entdecken, was in ihnen steckt, kann dieser Mangel an Professionalität in Begeisterung umschlagen. Dies hat Cornelius Cardew vorgeführt, der in seinem Scratch Orchestra ab 1969 auch mit Laien-Musikern auftrat und dessen Komposition Treatise an diesem Abend auszugsweise von Profis aufgeführt wird: auch für hochspezialisierte Interpreten noch eine Herausforderung.

Zu hoch sollten die Erwartungen nicht gesetzt werden. Aber ein Konzertabend wie dieser erfüllt vielfältige Funktionen: Er führt Schüler wie Publikum auf höchstem Niveau an aktuelle Tendenzen notierter und improvisierter Musik heran. Allein dies ist schon mehr als der Zuhörer in 90 Prozent des normalen Konzertbetriebs erwarten kann. Wer dies nicht glaubt, sollte bei nächster Gelegenheit kommen und sich eines der Konzerte und musikpädagogischen Projekte des Ensembles gelberklang anhören.“

 

Dr.Dietrich Heißenbüttel, Journalist, Musikkritiker (15.10.09)


 Open_music in Konstanz

Die Suche nach dem Schluss

Schüler des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums (Konstanz) finden zur Improvisation:

“18 Schülerinnen und Schüler des Alexander-von-Humboldt Gymnasiums in Konstanz aus den Klassen sechs bis zwölf haben sich bei dem Worksop Open_Music angemeldet, um eine ungewöhnliche Art des Musizierens und damit auch ihr Instrument neu kennen zu lernen. Neben Klarinette, Querflöte, Klavier und Saxofon waren auch Instrumente wie E-Gitarren, Schlagzeug und Percussion im Einsatz… Am wichigsten dabei sei das Zuhören, erklärte Roller. Er uns sein Kollege Michael Kiedaisch führten die Jugendlichen durch die Proben – dabei achteten sie darauf, den Musikern den größtmöglichen Handlungsspielraum zu lassen.

Die wiederum haben ganz offenbar Spaß bei der Sache. Es gibt oft nur ein ganz dünnes Grundgerüst an dem man sich orientiert. Alles andere ergibt sich aus der Situation heraus und erzeugt ein unwiederholbares Klangerlebnis, bei der die Musiker sich allein mit ihren Instrumenten zu unterhalten scheinen, Kläng und Töne beantworten oder wiederholen… ”

– Südkurier (Selma Burnukara, 24.04.2007)


Open_Music in Friedrichshafen

Ein Ton ergibt den andern

“Beim Begleitprogamm Farbinterventionen von Platino im Zepplin-Museum wirkten Schüler der Klassen 10 und 11 des Graf-Zepplin-Gymnasiums mit, die von Mitglieder des Ensembles >gelberklang< gut dazu vorbereitet worden sind. Rund um die doch zahlreiche Zuhörerschaft saßen die Schüler und begannen von allen Seiten durch rhythmisches Schlagen von Röhren in verschiedenen Tonhöhen eine faszinierende Klangverdichtung zu schaffen. Frei von stilistischen Vorgaben improvisierten die Jugendlichen dann auf Streich- und ganz verschiedenen Blasinstrumente, wo ein Ton den anderen ergab. Beim Zuspiel von Einzeltönen in unterschiedlicher Artikulation ergaben sich unerwartete Klangmischungen, die bei zunehmend rhythmischen Impulsen an Intensität und Farbe gewannen. Tonlinien wurden durch spontane Einwürfe aufgebrochen oder es entstand ein irisierend schwebender Sound. Besonders beeindruckte die vielschichtige Differenzierung eines fast gleich bleibenden Tones in allerfeinsten Nuancen…”

– Südkurier (30.03.2007)


Open_Music in Tübingen

Sich einlassen auf etwas Unvorhersehbares, heißt die Devise, denn keiner weiß, aus welcher Ecke gleich etwas kommen wird…

„Die Grundregel“, erklärt Roller: „Es gibt hier nichts wirklich Falsches. Ich kann jeden Ton spielen, den ich spielen will.“ Eine Freiheit und Verantwortung, mit der nicht jeder gleich auf Anhieb umgehen kann: „Ich kann spielen, was ich will, aber mit Überzeugung. Und wenn es schräg klingt – dann muß man dazu stehen. Solange man nicht zurückscheut, klingt es immer gut.“

Vorankündigung im Schwäbischen Tagblatt vom 26.04.2006

____________________________________________________________________

Es ist kurz nach elf Uhr, in einem Tübinger Gymnasium kommen Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 bis 13 aus dem Pausengetümmel in den Musiksaal, sie packen ihre Instrumente aus, setzen sich auf Stühle, die in einem Kreis angeordnet sind, und stimmen ihre Instrumente. Doch etwas unterscheidet dieses Projekt von einer gewöhnlichen Orchesterprobe: Es gibt keine Notenständer.

Mutige nach vorne heißt es beim Freien Improvisieren, denn einer muß mit einer Idee den Anfang machen…Kurze Stücke, mal leise, mal rhythmisch, folgen aufeinander. Ob durch langjähriges Orchesterspiel oder eigene Kreativität: Der Gebrauch der Instrumente folgt oftmals den klassischen Partituren, Klarinette und Oboe spielen sich mit kurzen Phrasen den Ball zu, das Horn stützt warm mit langen Tönen. Celli und Geigen übernehmen Motive voneinander und man kommt ganz ohne Noten und Dirigent gemeinsam zum Schluß… Die Angst weicht gruppendynamischen Prozessen, man erkennt kleine Führungs-persönlichkeiten, die durch ein kurzes Kopfnicken oder eine überzeugende musikalische Figur die anderen mitreißen und so Rhythmus und Charakter entstehen lassen… Doch man erkennt in allen Augen den Spaß und die Überzeugung beim eigenen Tun, die Neugier an der Entdeckung neuer musikalischer Räume. Auch wenn sich das Dargebotene sehr von einer Mozart- oder Haydnpartitur unterscheidet, ist es eine bewundernswerte musikalische Leistung, die das Ensemble durch Reagieren aufeinander und Agieren miteinander entstehen lässt…

Neben der Förderung persönlicher Kreativität und wohltuenden gruppendynamischen, sozialen Effekten ist diese musikalische Erfahrung auch eine vielversprechende Herangehensweise an klassischen Musik, die oftmals im Einzelunterricht ein wenig wie eine tote Sprache unterrichtet wird. Open_Music will keine Alternative sein, sondern eine Ergänzung, um Musik als ureigenes Bedürfnis des Menschen auszudrücken.

Fachzeitschrift: Üben und Musizieren 3/06

_____________________________________________________________________

Open_music in Heidenheim

Wie aus dem Nichts kommend und in surrealer Atmosphäre begann der erste Programmpunkt mit einer durchgeklügelten Improvisation zur Grafik „Reverie“ Roy Lichtensteins mit den Adepten des Workshops… Geheimnis- und reizvolle Tonmischungen, zugleich Motivfragmente, entwickelten sich allmählich zu faszinierenden Assonanzen.

Diese Zusammenklänge wurden mit viel Elan und Freude von den Interpreten hervorgezaubert… Allgemeine Ergriffenheit war das Resultat. Als großes Finale verabschiedete sich das Ensemble (Helios StreichQuartett mit Mike Svoboda) mit einer hochexplosiven crescendierenden Improvisation. Die Steigerung zu einem martialischen Schrei bohrte sich als Erinnerung für längere Zeit ins Gedächtnis ein.

Heidenheimer Neue Presse vom 26.10.2005

Einmal meditativ-statisch, dann wieder mit temperamentvollen Ausbrüchen zeigten die jugendlichen Musiker ihre Fähigkeiten zum schöpferischen Umgang mit dieser Musikrichtung und bewiesen nicht zuletzt beachtliche Spielkompetenz.

Heidenheimer Zeitung vom 25.10.2005


Open_Music in Ostfildern

Gemessen an normaler klassischer Musik klingt das nicht unbedingt harmonisch. Aber man merkt gleichwohl, dass dem seltsamen Klanggemisch doch irgendwie eine Struktur zugrunde liegt: Da werden Motive von einem Spieler zum nächsten weitergereicht, werden Rhythmen dezent abgewandelt. So geht das eine ganze Weile. Dann, als die innere Spannung spürbar nachlässt, setzt der Cellist mit einem lang gestrichenen Flageolettton einen neuen Impuls, der Schlagzeuger unterlegt ihn prompt mit einem Rhythmus. Plötzlich ist das Stück, wie von einem unsichtbaren Dirigenten gesteuert, auf einen Schlag zu Ende… Manche empfinden die Improvisation tatsächlich als eine Art Befreiung von den Zwängen herkömmlichen Musizierens. „Man kann mehr machen als in notierter Musik…“ sagt einer der Schüler. „Jeder Schüler darf einen Ton (zu einem reinen Eintonstück) dazumachen“, erklärt Roller. „Aber vorher wählen und dann dabei bleiben!“ Da jeder Spieler einen anderen Ton wählt, ergibt sich ein komplett anderes Klangbild, in dem praktisch die ganze Tonskala enthalten ist. Die Schüler lernen dadurch, wie gerade die freiwillige Beschränkung der Mittel die Kreativität anregen kann. Den eigenen Musikstil zu finden, findet Scott Roller wichtig. Besonders für Kinder und Jugendliche, die in einer völlig medialisierten Welt aufwachsen und tagaus, tagein von den Produkten der Musikindustrie zugeschüttet werden… Wenn die (die eigene Musik) gefunden wird, dann kann es sogar richtig lustig zugehen. Zum Beispiel, wenn sich bekannte Muster in das freie Spiel einschleichen. Wie beim Cellisten, der während einer Improvisation plötzlich einen punktierten Rhythmus von der Leine lässt, in den flugs die Bläser einfallen. Das Ganze klingt so herrlich schräg, als spielte da eine alkoholisierte Tangokapelle.

Stuttgarter Zeitung vom 22.11.2005 Ein gewaltiger Cluster zur Eröffnung, dann eine breite Palette filigraner Klangereignisse; Summen, Stöhnen, Pfeifen, Trampeln und mannigfache instrumentale Aktionen  füllten den Raum der Städtischen Galerie Ostfildern. Ein besonderes Experiment wurde gestartet – der Musikneigungskurs der beiden Nellinger Gymnasien wagte sich in die geheimnisvolle Welt der Improvisation… Diese Begeisterung spürte man auch beim Konzert von Open_Music im Stadthaus. Bei den verschiedenen Improvisationsmustern fanden sich die jungen Akteure in der Welt der Klänge und Geräusche ein, zauberten Klangflächen, entwickelten rhythmische Sequenzen und gaben den zentralen musikalischen Elementen Spannung und Entspannung Raum. Die Wiedergabe war geprägt von Konzentration, lebendiger Interaktion und unkonventionellen Reaktionen.

Stadtrundschau Ostfildern vom 01.12.2005

_____________________________________________________________________

Noten gibt es keine, Codes auch nicht. Die Musiker stehen in Blickkontakt und versuchen, sinnige Sequenzen musikalischer Gedanken wie in einem Gesärch kompatibel zu machen. Die außergewöhnliche Geräuschkulisse verschmilzt zu einem improvisierten Konzert, das den Quadraten, die eine imaginäre Notenlinie entlang tanzen, taktvoll Paroli bietet.

Esslinger Zeitung vom 28.11.2005